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Mehr Wahrnehmung, weniger Zweifel

Zu sensibel was ist das?

Wer sich mit Hochsensibilität, ADHS und Trauma beschäftigt merkt schnell, dass es viele Überschneidungen gibt. Das Gefühl «zu viel» wahrzunehmen, zu intensiv zu fühlen oder einfach nicht zur Ruhe zu kommen ist eine entscheidende Verbindung.


Hochsensibilität ist eine angeborene Veranlagung. Etwa 20% der Menschen gelten als hochsensibel. Sie nehmen Reize tiefer und differenzierter wahr. Geräusche, Gerüche, Stimmungen alles wirkt intensiver. Oftmals sind Hochsensible empathisch, reflektiert und kreativ, aber eben auch schneller erschöpft, wenn zu viele Eindrücke verarbeitet werden müssen. Diese starke Wahrnehmung kann sehr positiv sein. Das Erleben von Musik, Kunst, Tanz, Berührungen kann sehr intensiv sein und eine tiefe emotionale Reaktion hervorrufen.

Der Begriff der Hochsensibilität wurde durch die Psychologin Elaine Aron in den 90er Jahren geprägt. Es gibt noch keine allgemeingültige Definition. Höchstwahrscheinlich gibt es aber schon immer hochsensible Menschen. Die Welt, in der wir Leben bietet, aber immer mehr Reize an, was dazu führen kann, dass dieses Merkmal der Persönlichkeit mehr Raum einnimmt.

Hochsensibilität ist keine Krankheit.

Sie beschreibt, wie das Nervensystem Eindrücke sammelt und verarbeitet. Sie ist eine Eigenschaft, ein Teil der Persönlichkeit. Zu Wissen, das ist ein Teil von mir, kann den Umgang damit erleichtern. Mit der Feinfühligkeit leben, anstatt gegen Sie anzukämpfen oder Sie als Schwäche zu betrachten.

Hochsensibilität kann sich auf körperlicher Ebene zeigen, zum Beispiel das bestimmte Stoffe gemieden werden, da Sie beim Tragen so intensiv erlebt werden, dass es die Konzentration beeinflusst. Ein Beispiel für emotionale Hypersensibilität ist: jemand sagt einen Satz, der wahrscheinlich nicht mal negativ gemeint war, aber es löst tiefe Emotionen aus, die dann den Rest des Tages einnehmen. Beides ist ein Ausdruck von feiner Wahrnehmung, daraus entsteht aber oftmals Überforderung. Lernen sich bewusst den Raum zu schaffen der benötigt wird. Oftmals sind schon kleine Inseln, die geschaffen werden, hilfreich. Momente in denen aktiv wahrgenommen wird, wo befinde ich mich und anhand dessen kann ein Moment der Regulation geschaffen werden. Das stärkt das Gefühl, dass man okay ist und dass man sich selbst helfen und schützen kann. Es kann sonst auf die Dauer als sehr frustrierend empfunden werden, dass man immer wieder diesen intensiven Wunsch nach Rückzug verspürt. Insbesondere wenn sich dieses Gefühl einstellt nach einer schönen Aktivität, wie zum Beispiel ein Besuch im Einkaufszentrum mit der Freundin.

 

 

ADHS wird oft als reine Aufmerksamkeitsstörung betrachtet- eine Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung.

Das missachtet aber viele Aspekte und legt den Fokus auf die vermeintliche Schwäche. Menschen mit ADHS leben dadurch, dass Sie die Welt anders erleben als neurotypische Menschen, in einer Welt aus anders sein und Anpassungsdruck. Das ADHS-Gehirn filtert Reize viel weniger. Es ist darauf ausgelegt ständig nach Reizen, nach Bedeutung, nach Flow zu suchen. Botenstoffe im Gehirn werden anders verarbeitet oder stehen weniger zur Verfügung. Bei ADHS arbeitet das Gehirn mit einer veränderten Regulation der Botenstoffe (Neurotransmitter) Dopamin und Noradrenalin, die für Aufmerksamkeit, Motivation und Belohnung wichtig sind.

Diese Neurotransmitter werden oft zu schnell abgebaut oder zu wenig ausgeschüttet, dadurch können Reize schwerer gefiltert werden. Der Fokus schwankt zwischen Überstimulation und abschalten. Das wird oft als Gedankenflut erlebt. Das Gehirn ist ständig auf der Jagd nach Dopamin, dadurch ist das Erleben oftmals sprunghaft, chaotisch aber auch intensiv und schnell. Viele Menschen mit ADHS sind kreativ, sensibel und auch empathisch.

Ursprünglich war diese Wahrnehmung evolutionär sehr hilfreich. Menschen mit dieser Reizoffenheit konnten schneller reagieren, kreativere Lösungen finden und Gefahren oftmals früher erkennen. ADHS kann im Alltag zu einer grossen Herausforderung werden. Zu spät zum Termin, weil Dinge gesucht werden, keine Ruhe in Momenten in den diese eigentlich erforderlich wäre. Oftmals die Rückmeldung du bist zu viel, zu laut, zu chaotisch. «Sei doch jetzt mal ruhig»

ADHS gilt als Risikofaktor für die Entwicklung einer posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Das Nervensystem, das ohnehin mit der Flut an Reizen kämpft, regiert auf traumatische Erlebnisse noch intensiver.

ADHS ist aber eben auch ein Beispiel dafür, wie divers Nervensysteme funktionieren können. Ein Schlüsselfaktor ist das Erleben zu verstehen und damit zu arbeiten, anstatt zu versuchen in Schubladen zu passen die ohnehin nicht funktionieren. Strategien zu finden, die es ermöglichen das Leben trotz und gerade mit dieser Besonderheit zu leben und zu geniessen.

Bei traumatischen Erfahrungen lernt das Nervensystem immer in Alarmbereitschaft zu bleiben. In dieser sogenannten Überreregung oder Hypervigilanz, bleibt der Körper wachsam, auch wenn keine akute Gefahr mehr besteht. Trauma bedeutet nicht immer ein einzelnes, dramatisches Ereignis. Oft entsteht es leise, durch dauerhafte Überforderung, emotionale Vernachlässigung oder das Gefühl nicht richtig zu sein, so wie man ist. Es ist nicht nur das was passiert ist, sondern auch das, was danach im Nervensystem verbleibt. Die Alarmbereitschaft, ständig auf der Hut, ein Körper, der den Geist schützen will, indem er wachsam bleibt.

Diese dauerhafte Wachsamkeit kann sich anfühlen wie Hochsensibiltät ist aber eigentlich eine Schutzreaktion die Grenzen sind aber fliessend.

Menschen mit ADHS und hoher Sensitivität tragen ein hohes Risiko für eine Traumatisierung. Das Nervensystem ist so fein eingestellt, filtert weniger dazu kommt das Emotionen tiefer erlebt werden

 

 

Der Weg zur Regulation führt über den Körper.

In solchen Situationen kann gezielte Körperarbeit helfen, wieder Sicherheit zu finden. Grundlegend dabei ist sich dessen bewusst zu werden. Oftmals kommt das Gefühl der Überforderung plötzlich, die Anspannung steigt, aber dann ist plötzlich das Limit erreicht. Tränen fliessen, plötzliche Wut, der Wunsch nach Flucht, dieses Gefühl kann sich ganz unterschiedlich zeigen. Zu lernen sich in solchen Situationen und schon vorgängig selbst zu regulieren kann das Selbstvertrauen stärken. Es ermöglicht die eigenen Grenzen zu kennen, das Mass der Reizüberflutung einzuschätzen, sich selbst mit Verständnis zu begegnen aber auch die Kommunikation darüber zu erleichtern.  

Es ist wohltuend, nach einem stressigen Tag oder Erlebnis einen Spaziergang zu machen oder sich zurückzuziehen. Doch in der Realität ist das nicht immer möglich und auch nicht immer die Beste Lösung. Wer sich angewöhnt Reizüberflutung zu meiden riskiert die Flexibilität des Nervensystems weiter zu reduzieren. Es kann sinnvoller sein, dem Nervensystem sanft beizubringen, mit mehr Reizen umgehen zu lernen. Das bedeutet nicht, sich absichtlich zu überfordern, sondern die eigene Kapazität zur Verarbeitung Schritt für Schritt zu erweitern. Die Schulung der Wahrnehmung ist dabei ein wichtiger Schritt der täglich in kleinen Momenten geübt werden kann. Es ist schön und wertvoll, dass der Körper die Möglichkeit bietet sich zu regulieren. Durch bewusste  Atemtechniken, Sinnesanker, gezielte Stimulation, um zurückzukommen. Regulation bedeutet, nicht sich zusammenzureissen. Es schenkt die Fähigkeit sich zu tragen und dadurch auch wieder mehr Flexibilität und Vertrauen.

Nicht alles, was sensibel ist, ist verletzt, manchmal ist es einfach aufmerksam.

 

 

 
 
 

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