Hab ich einen an der Murmel?
- aktivankern
- 9. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Ich kenne diese Gedanken nur zu gut. Oft kam die Frage:Warum bin ich so empfindlich? Warum fühle ich mich so schnell überreizt?
Ich bin mit Freunden oder meinem Partner auf der gleichen Veranstaltung, aber wir erleben sie völlig unterschiedlich. Ich merke schon vorher, wie die Anspannung in mir steigt. Ich weiss, dass mich Ereignisse mit vielen Menschen stressen. Das heisst, ich gehe schon mit einer gewissen inneren Alarmbereitschaft da rein.
Und dann bin ich dort. Ich kann die Emotionen der Menschen um mich herum spüren, nehme jede Stimmung wahr, jedes Geräusch, jedes Licht, jeden Geruch. Irgendwann kann ich kaum noch unterscheiden: was ist meins und was ist deins? Dann wird es zu viel. Zu viel Licht, zu viele Eindrücke, zu viele unausgesprochene Erwartungen, von denen ich nur annehme, dass sie da sind.
Und wenn ich nicht einfach gehen kann, beginnt der innere Kampf: funktionieren, nichts anmerken lassen und gleichzeitig viel zu viel fühlen. Danach bleibt oft das Gefühl, versagt zu haben.
Wenn das Nervensystem überläuft
So war mein Alltag lange Zeit.Wann der Moment kommt, an dem das Nervensystem sagt: "Bis hier und nicht weiter" ist individuell abhängig von Erfahrungen, Erziehung, Herkunft, aktuellen Lebensumständen, aber auch von unserer Veranlagung.
Ich denke dann immer an eine kleine Metapher, die ich mal gehört habe:Stell dir dein Nervensystem wie ein Glas voller Murmeln vor. Jede Murmel steht für eine Portion Sensibilität. Manche Menschen haben von Natur aus einfach mehr Murmeln im Glas. Wenn nun Wasser dazukommt (also Stress) läuft das Glas irgendwann über.
Diese vielen Murmeln bedeuten aber nicht nur, dass wir schneller überreizt sind. Sie ermöglichen uns auch, intensiver zu empfinden: Musik, Natur, Gedanken, Mitgefühl vieles wird tiefer erlebt. Das ist oft schön, aber nicht immer praktisch.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte einfach weniger fühlen, weniger wahrnehmen. Aber gleichzeitig weiss ich, dass genau diese Tiefe auch die Quelle meiner Empathie ist. Sie lässt mich in Verbindung gehen, sie macht mich aufmerksam, sie macht mich menschlich.
Warum wir gelernt haben, nicht zu fühlen
Viele von uns haben im Laufe der Zeit gelernt, dass Fühlen anstrengend ist. Wir haben Strategien entwickelt, um Emotionen zu vermeiden weil sie vermeintlich stören, zu viel Raum einnehmen oder nicht in den Alltag passen.
Also halten wir durch, lenken uns ab, funktionieren.Doch Emotionen verschwinden nicht, nur weil wir sie ignorieren. Sie bleiben im Körper, bis er irgendwann Alarm schlägt.
Der Weg raus führt nicht am Fühlen vorbei, sondern durch das Fühlen hindurch.Oft sind wir Meister darin, unsere Gefühle zu analysieren. Wir ordnen sie ein, erklären sie, vielleicht sprechen wir sogar darüber aber uns ihnen wirklich zuzuwenden, das fällt schwer.
Das müssen wir üben. Schritt für Schritt.Und vor allem: liebevoll. Mit Mitgefühl.
Empathie auch für mich selbst zu empfinden war ein grosser Schritt. Es heisst nicht, mich in allem zu bemitleiden, sondern mir zuzuhören, ehrlich und freundlich. Zu spüren, was in mir passiert, ohne gleich etwas reparieren zu müssen.
Ein neuer Blick auf Sensibilität
Heute weiss ich: Meine Empfindsamkeit ist keine Schwäche.Sie ist einfach ein Teil von mir, ein wertvoller.Sie hat mir als Pflegefachfrau tiefe Begegnungen ermöglicht, weil ich fein wahrnehme, was unausgesprochen mitschwingt. Sie zeigt mir, wenn mein Nervensystem überfordert ist, wenn ich zu viel will oder zu wenig für mich sorge.Sie ist mein innerer Kompass.
Empfindsamkeit bedeutet Tiefe, Verbindung, Mitgefühl.Und sie darf Raum einnehmen.
Wenn es wieder zu viel wird, erinnere ich mich:Ich darf atmen.Wahrnehmen.Fühlen ohne mich zu verurteilen.
Ich kenne meine Praxis, die mir hilft. Ich habe mir erlaubt, sie zu entwickeln. Dadurch habe ich einem Teil von mir Raum gegeben, anstatt zu versuchen, ihn wegzusperren. Das war nicht immer einfach. Aber heute bereichert es mein Leben sehr.
Ich kann erleben und nicht nur überleben.Mich selbst nachhaltig regulieren zu können, gibt mir Freiheit und ein tieferes Selbstverständnis. Mein Körper bietet mir die Möglichkeit, mich im Jetzt zu verankern und mir Sicherheit zu geben.
Atmen, EFT und vor allem eine regelmässige Praxis helfen mir, flexibel zu bleiben.Was mir im Alltag besonders hilft, ist meine Sinne zu nutzen, um immer wieder ins Spüren zu kommen. Tief einatmen und riechen was nehme ich wahr? Was macht das mit mir?Hören, sehen, fühlen. Kleine Momente, die mich erinnern, dass ich da bin.
Solche Mini-Praxen helfen mir, in sicheren Momenten zu üben, präsent zu bleiben. So bin ich in Stressmomenten besser vorbereitet.
Mit mir sein, nicht gegen mich
Ich übe, meine Gefühle zu akzeptieren, auch wenn sie gerade unangenehm sind. Es ist okay, wenn Wut da ist. Es ist okay, wenn Traurigkeit da ist. Vielleicht ist es ein Anteil in mir, der lange keine Stimme hatte. Er darf da sein. Er darf gehört werden.
Ich muss keine Scham haben vor mir selbst.Im EFT gehört das Wahrnehmen und Benennen der Gefühle fest dazu.Ich darf vor mir alles aussprechen, ohne es zu verurteilen.
In solchen Momenten bei mir zu sein, durch den Atem, durch Wahrnehmung, fühlt sich an wie Selbstermächtigung.Es ist ein Werkzeug. Ein Anker. Und ein stiller Begleiter.
Ich muss nicht immer stark sein. Ich darf fein sein.Und vielleicht ist genau das meine grösste Stärke.
Wenn du das liest und dich darin wiedererkennst: Es ist nichts falsch mit dir. Dein Nervensystem reagiert, weil du lebst. Und du kannst lernen, es zu begleiten statt es zu bekämpfen


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